Der Sonne entgegen – eine Woche Urlaub im Tessin

Ende April/Anfang Mai haben wir eine Woche Urlaub und dürfen uns von Flos Eltern nochmal Wohnmobil Hugo ausleihen 🙂 Auch Struppel und ich freuen uns sehr, denn wir alle vier hatten längere Zeit keinen Urlaub mehr. Da wir ja im Wohnmobil unterwegs sein werden, können wir spontan entscheiden, wohin es geht. Als groben Plan haben wir als Ziel das Berner Oberland in der Schweiz, da es für eine Woche nicht so weit ist.

Wir starten am Samstag, den 27. April 2019 gegen Mittag, nachdem wir gemütlich gefrühstückt und alles eingepackt haben. Während der Fahrt checken wir die Wettervorhersage. Nördlich des Alpenhauptkammes – sprich auch im Berner Oberland – soll es die ganze Woche eher durchwachsen werden, wogegen südlich des Alpenhauptkammes schon die Sonne lacht. So beschließen wir kurzerhand, durch den Gottardtunnel weiter nach Süden ins Tessin zu fahren. Wir machen am Samstag Abend eine Zwischenübernachtung in Breisach bei Freiburg und finden einen schönen Stellplatz direkt am Rhein (auf der gegenüberliegenden französischen Seite, sodass wir aus dem Fenster direkt auf den Rhein und die Altstadt von Breisach schauen können). Praktischerweise gibt es direkt einen McDonalds in der Nähe, der überall auf der Welt hervorragende Toiletten zu bieten hat. Zum Abendessen gibt es natürlich das traditionelle Urlaubsanfangsessen: Nudeln mit Pesto und Tütenparmesan.

Am nächsten Morgen geht es weiter Richtung Süden und genau wie die Wetterapp versprochen hat, fahren wir im Regen in den Gottardtunnel hinein und bei strahlendem Sonnenschein wieder heraus. Wir steuern grob Locarno am Lago Maggiore an. Simona hat im Lonely Planet bzw. bei Outdooractive eine schöne Wanderung gefunden, die auf dem Monte Bre (ein Ortsteil von Locarno, ca. 900 Höhenmeter oberhalb der Stadt) starten soll. In der Wanderbeschreibung vorgeschlagen ist eine Fahrt mit der Seilbahn von Locarno auf den Monte Bre und von dort aus soll die Wanderung gestartet werden. Wir finden bei Google Maps einen Wanderparkplatz am Start der Wanderung und überlegen uns, statt mit der Seilbahn einfach mit dem Auto hochzufahren und oben zu übernachten. Gesagt, getan. Die ersten 15 Serpentinen sind kein Problem, doch dann wird die Straße enger und enger und enger…und die nächsten 15 Serpentinen liegen noch vor uns. Eine Wendemöglichkeit ist weit und breit nicht zu sehen und rückwärtsfahren kommt erst Recht nicht in Frage. Also bleibt als einziges die Weiterfahrt nach vorne übrig. Wir arbeiten uns weiter den Berg hoch. Richtig lustig wird es, wenn jemand entgegenkommt, dann bekommt Simona kurz ein paar Herzaussetzer wenn Flo bis auf 5cm an den Abgrund heran fährt. Eine Leitplanke gibt es nämlich nicht überall. Zum Glück wird die Straße nach oben hin wieder etwas breiter und der Ausblick mit jeder Kurve schöner – man kann auf den Lago Maggiore und die schneebedeckten Gipfel drum herum schauen. Am Ende der Straße finden wir den bei Google Maps entdeckten und herrlich einsamen Stellplatz. Ein bisschen schief ist er schon, aber zum Glück hat Hugo 2 Klötze im Gepäck, auf die sich Flo auf der rechten Seite gekonnt draufschaukelt. Wir verbringen eine himmlisch ruhige Nacht und starten am nächsten Morgen unsere Wanderung zum Cima della Trosa (12km, 750 Höhenmeter, ca. 5 Stunden inklusive Rast und Fotos). Der Blick von dort oben ist wahnsinnig schön. Kurz vor unserem Ziel gönnen wir uns auf einer Alm ein Eis (Simona) und einen Apfelstrudel (Flo). Für mich gibt es eine Möhre und Struppel schläft sowieso schon wieder. Da es bei Ankunft am Auto schon halb sechs Uhr abends ist und wir genug Zeit für die Talfahrt haben möchten, beschließen wir, noch eine Nacht auf diesem herrlichen Stellplatz zu bleiben und am nächsten Morgen hinunter zu fahren. Wir genießen die letzten Sonnenstrahlen, bevor die Sonne hinter den Bergen verschwindet und die Lichter im Tal anfangen zu glitzern.

Am nächsten Morgen arbeiten wir uns Stück für Stück die Serpentinen zurück ins Tal hinunter und checken nach einem kurzem Brot-für-das-Frühstück-Kaufstopp bei Migros im Camping Delta in Locarno direkt am Ufer des Lago Maggiore ein. Für unseren Geschmack ist es ein viel zu großer Platz mit viel zu vielen Leuten, aber wir brauchen nochmal einen Dusche und müssen unseren Abwassertank leeren. Für eine Nacht ist es ok. Nach einem ausführlichen Brunch draußen in der Sonne starten wir direkt vom Zeltplatz aus zu einer Fahrradtour ins Maggiatal (ca. 45km). Auch hier gefällt es uns richtig gut. Abends genießen wir erst die Dusche und dann ein Radler (Flo) / eine Sprite (Simona) am Seeufer bei Sonnenuntergang.

Am nächsten Tag haben wir uns wieder eine Wanderung vorgenommen, dieses Mal wollen wir den Pizzo Leone (1700m) besteigen. Wir fahren nach Verdasio im Centovalli (ca. 30 min ab Locarno) und möchten mit der Seilbahn hinauf nach Rasa (890m) fahren, um unsere Wanderung von dort zu starten. Das Auto geparkt steuern wir motiviert die Seilbahnstation an. Wir ärgern uns kurz, dass etwa 30 Leute ebenfalls anstehen, um nach oben zu fahren, als wir merken, das diese Seilbahn auf der anderen Bergseite hinauf zum Monte Comino fährt. Hier ist laut Werbetafel offensichtlich ein Restaurant – daher die vielen Leute. Ein kleines, antikes Schild weist auf eine zweite Seilbahn hin, die sich laut Anzeige 100m weiter das Tal hinab befindet. Wir folgen dem Schild, überqueren eine Bahnschiene und landen tatsächlich bei der Talstation einer Seilbahn. Eine Gondel steht bereit, aber weit und breit ist niemand zu sehen. Immerhin gibt es einen Fahrkartenautomat, aber der nimmt nur Münzen. Davon haben wir aber nicht genug. Einen Schlitz für Scheine gibt es nicht und unsere Kreditkarten funktionieren nicht. Was nun? Flo ruft mit einem sehr, sehr antiken Telefon (noch deutlich antiker als die Seilbahn, geschätzt von 1900) die Bergstation an, aber es geht trotz ausführlichem Kurbeln niemand ran. Einfach einzusteigen trauen wir uns nicht, denn auf einem Schild wird eine Strafe von mindestens 100 SFr angedroht, wenn man ohne Fahrschein fährt. So langsam wird die Zeit etwas knapp, denn wir wollen ja auch noch wandern und die letzte Gondel um 18 Uhr wieder hinunter nehmen. Nun müssen wir aber erst einmal rauf kommen. Wir gehen noch einmal zurück zur anderen Seilbahn und fragen nach, denn dort gibt es einen Servicemitarbeiter. Dieser kann uns aber auch nicht weiterhelfen, weil es sich um einen anderen Betreiber handelt. Er rät uns, einfach einzusteigen und oben zu bezahlen. Wir machen uns also auf den Weg zurück zu unserer antiken Seilbahn und setzen uns hinein. Laut Anleitung an der Wand wird die Gondel von der Bergstation aus gesteuert und eine Überwachungskamera verrät, wenn Passagiere eingestiegen sind. Vier Passagiere – 2 Menschen, ein Känguru und ein Koala -sitzen nun also in der Gondel und fragen sich, wann es losgeht und – viel interessanter – ob und wie die Türe zugeht. Eine Fahrt bei offener Türe über einen Abgrund von 150m wäre schon etwas spannend. Tatsächlich schließt die Tür 10 Minuten später zu Flos großer Erleichterung von selbst und die Fahrt geht etwas ruckelnd los. Von oben hat man einen atemberaubenden Blick in die Schlucht unter uns mit einem schmalen, tiefblau glitzernden Fluss. Knappe 10 Minuten später kommen wir oben auf dem Berg in Rasa an, dem letzten autofreien Dorf des Tessins. Es kommt uns vor, als hätten wir eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert gemacht. Der Ort ist genauso antik wie die Seilbahn. Das einzige, was nicht in die Kulisse passt, ist der Fahrkartenautomat, der hier oben zum Glück und ganz unkompliziert auch mit Kreditkarte funktioniert. Nachdem wir uns kurz sortiert und unsere Wanderung aufgrund der fortgeschrittenen Zeit etwas modifiziert haben, laufen wir los. Durch einen Buchenwald geht es eine Stunde lang ziemlich steil bergauf und die gerade herabgefallenen Blätter sind glatt wie Schmierseife. Man muss sich an den Bäumen festhalten, damit man nicht abrutscht oder nach hinten umfällt. Doch die Mühe lohnt sich, denn oberhalb der Bäume angekommen erwartet uns auf dem Pizzo Leone eine grandiose Aussicht. Jetzt haben wir uns aber eine Pause verdient. Wir essen unser Picknick, machen Fotos und genießen die Aussicht. Und vergessen die Zeit. Bei einem Blick auf die Uhr stellen wir fest, dass es schon 15:30 Uhr ist, also nichts wie los. Denn die letzte Gondel hinunter fährt ja schon um 18 Uhr. Trotzdem ist bestimmt noch Zeit für eine kleine Umkürzung, damit wir noch ein bisschen die tolle Aussicht genießen können. Am ersten Wegweiser verrät uns das Schild, dass die Wanderzeit bis Rasa 1 Stunde und 50 Minuten beträgt. Es ist 16:07 Uhr. Vielleicht war die Planung doch etwas optimistisch. Jetzt gibt es aber kein Zurück mehr. Also nichts wie los. Im Laufschritt machen wir uns auf den weiteren Weg. Der Laub-wie-Schmierseife-Teil den Hang hinab wird im Lauschritt erst so richtig spannend, aber wir schaffen es ohne größere Verletzungen nach unten und sind dank unseres sportlichen Wanderstils um 17:30 Uhr (also 27 Minuten früher als laut Wegweise geplant) wieder an der Gondel-Bergstation. Fix und fertig legen wir uns erst einmal auf die Wiese und genießen nochmal den Ausblick, bevor wir um 17:55 (die Gondel ist zu früh losgefahren!) die letzte Gondel zurück nach unten nehmen. In Verdasio angekommen genießen wir die letzten Sonnenstrahlen und beschließen, uns im Versazcatal (Tipp von Großmutter) einen Schlafplatz zu suchen. Auch dieses Tal ist wunderschön. Wir nehmen einen Platz in Brione auf einem offiziellen Wohnmobil-Parkplatz am Flussufer. Mit uns sind noch ca. 10 andere Camper dort, auch ein nettes Paar aus der Nähe von Heidelberg direkt neben uns. Vor unserer Abreise haben wir unseren Hochzeitschampagner, den wir von unserem Trauzeugen Philipp geschenkt bekommen haben, eingepackt. Nach so einem tollen und anstrengenden Tag scheint jetzt der ideale Moment zu sein, um ihn zu trinken. Und was würde besser zu dem gerade zubereiteten Spinat mit Rührei passen als ein guter Champagner? Wir geben unseren Nachbarn ein Glas ab und stoßen auf den schönen Tag und den tollen Urlaub an. Später erweist sich die multifunktionale Champagnerflasche auch noch als stabile Halterung für unsere Stirnlampe. Am nächsten Morgen starten wir nun zu einer kleinen und flachen Wanderung entlang des Flusses von unserem Stellplatz in Brione nach Lavertezzo. Auch diese Wanderung ist wieder ganz anders als die letzten Ausflüge und wunderschön. In Lavertezzo angekommen gönnen wir uns ein Stück Kuchen. Da für den Nachmittag Regen angesagt ist, holt Flo das Auto mit dem Bus ab. Gegen 15 Uhr machen wir uns auf den Weg zurück an den Lago Maggiore und legen – nun bei Regen – auf einem Parkplatz am See eine Entspannungrunde mit lesen, schlafen und Fotos aussortieren ein. Abends gehen wir in Brissago in einer netten Pizzaria essen. Zum Schlafen hat Simona bei Google Maps eine Lichtung im Wald hoch über Brissago entdeckt. Wir fahren die Kurvenstraße (diesmal nicht ganz so eng wie beim letztem Mal) hinauf und finden einen perfekten Platz für die Nacht. Aus dem Bett liegend können wir Abends die glitzernden Lichter des kleinen Städtchens unter uns bewundern und durch das Dachfenster in den klaren Sternenhimmel schauen.

Am nächsten Morgen wachen wir mit Blick auf den in der Sonne glitzernden Lago Maggiore und die Berge auf. Nach einem entspannten Frühstück in der Sonne (einige vorbeikommende Wanderer/Radfahrer sind ganz schön neidisch auf unseren Platz und das Frühstück) fahren wir wieder hinunter ans Seeufer, denn wir haben noch eine Mission: Wir möchten in Cannobio in Italien (kurz hinter der Grenze) Eis essen und italienische Köstlichkeiten einkaufen. Mit dem Auto über die Grenze fahren scheidet jedoch aus, da in Italien alle Dinge, die ein Auto um mehr als 20cm überragen, mit einer roten Warntafel gekennzeichnet werden müssen. Tut man das nicht, droht eine saftige Strafe. Da unser Fahrradträger das Auto um geschätzt 25cm überragt bräuchten wir eine solche Warntafel, die wir aber nicht besitzen. Also parken wir unser Auto hinter Brissago kurz vor der Grenze und fahren ca. 6km mit dem Fahrrad am See entlang nach Cannobio. Die Regen-Alternative für diese tolle Radtour wäre gewesen, die Räder vor der Grenze am Straßenrand anzuschließen, den Fahrradständer einzuklappen und nun ganz legal mit dem Auto nach Italien zu fahren. Da die Sonne aber wieder vom Himmel lacht, nehmen wir die Radtour. An dieser Stelle sei angemerkt, dass in Italien jedes noch so klapprige Auto ohne Rückleuchten ganz unkompliziert herumfahren darf, aber bei mehr als 20cm Überhang ohne Blechtafel verstehen die Italiener anscheinend keinen Spaß. In Cannobio essen wir leckeres italienisches Eis und decken uns mit Olivenöl und Grissini sowie einigen Mitbringseln für die Hugo-Besitzer als Dankeschön ein. Am Nachmittag radeln wir zurück, verpacken unsere Räder und fahren schon ein Stück nach Norden auf einen schönen Campingplatz mit cooler Rockmusik in den Sanitäranlagen bei Luzern am Vierwaldstätter See (TCS Camping Buochs). Flo kommt gar nicht mehr von der Toilette wieder, weil er in der Kabine zur Musik abrockt.

Am nächten Tag müssen wir noch eine weitere Mission erfüllen, bevor wir die Heimreise antreten: Schweizer Käsefonduekäse kaufen. Und auch diese Mission ist wie alle geplanten oder ungeplanten Missionen in diesem wunderschönen Urlaub erfolgreich. 🙂

 

3 Gedanken zu “Der Sonne entgegen – eine Woche Urlaub im Tessin

  1. Mir klopft das Herz ob Eurer Serpentinenfahrt! Ich wage gar nicht, an Gegenverkehr bei der Bergfahrt und Bremsen bei der Talfahrt zu denken. Aber Ihr habt es gottseidank alle gut überstanden.
    Nun sind wir neugierig auf die Schweiz und werden uns auf Hugos Erfahrungen verlassend auch mal in dieses Gebiet begeben…
    Es ist wie immer ein spannender Fahrtenbericht mit wunderschönen Bildern. Finchen und Struppel können sich als Reisebuchverfasser bewerben! Liebe Grüße aus Essen von den Hugo-Eltern

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  2. Hallo , ihr Lieben

    Eure Reiseberichte sind einfach wundervoll !!!!!!!!!!!!!!!!

    Ich bin immer wieder begeistert !!!!!!!!!!!!!

    Peter und ich kommen gerade aus Bamberg …………..
    ……….. es waren seeehr schöne Tage………..
    aber wir können nur Fotos schicken…………..!!!!!!!!!!!!

    Weiter so !!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Bereist die Welt und lasst nicht nur uns, sondern
    DIE GANZE WELT
    daran teilhaben !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Mit den allerherzlichsten Grüßen
    Peter und Walli Hemmerich

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  3. Mein Gott, jetzt hat sie‘s ! Ist das ein schöner Reisebericht- ich will auch dorthin! Freue mich schon heute auf Euern nächsten Urlaub und Bericht. Liebe Grüße, Oma/ Bärbel

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